Donnerstag, 30. Dezember 2010

Das Bonmot für Zwischendurch...

Neulich habe ich einen schönen Ausspruch von Walther Rathenau (1867-1922) gefunden, den ich heute zum Abschluss des Jahres 2010 präsentieren möchte, verbunden mit den besten Wünschen an alle Leserinnen und Leser dieses Blogs für ein erfolgreiches und vor allem musikalisch erfüllendes neues Jahr 2011!

Spiele dein Instrument so gut du kannst, von ganzem Herzen und mit ganzer Liebe. Für die Komposition sorgt ein anderer.


In diesem Sinne: Man liest sich im nächsten Jahr...!

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Was das Christkind gebracht hat...

Irgendwie komme ich im Moment zu nichts (wer redet da bloß immer nur vom Vorweihnachtsstress...???) - aber hier und jetzt sollte doch mal Gelegenheit dazu sein, ein paar der Gaben vorzustellen, die das Christkind in diesem Jahr für mich dagelassen hat.
Neben ein paar anderen nichtmusikalischen Dingen habe ich - und das sind die für diesen Blog ja eigentlich wirklich wichtigen Objekte - auch ein paar Bücher und CDs bekommen, die sich rund um das schönste Hobby der Welt drehen:

Von den Italienern Pietro Mascagni (1863-1945) und Ruggero Leoncavallo (1857-1919) kennt man heute meist nur noch ihre beiden gerne miteinander an einem Opernabend kombinierten Meisterwerke "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" - umso schöner finde ich es, dass von beiden Komponisten in den letzten Jahren einige selten zu hörende "Ausgrabungen" neu auf CD eingespielt wurden. Zwei davon habe ich aktuell auf dem Gabentisch gefunden:



Für Bücher, die sich - auf Sachbuchebene oder in fiktiver Art und Weise - mit dem Thema (klassische) Musik beschäftigen, interessiere ich mich immer sehr und da habe ich in diesem Jahr gleich ein paar neue Titel geschenkt bekommen, auf die ich schon sehr neugierig bin: Christian Lehmanns "Der genetische Notenschlüssel" und "Ohne Musik ist alles nichts" von Rudolf Herfurtner.


Außerdem bekam ich die Autobiografie der im Jahr 2005 verstorbenen schwedischen Sopranistin Birgit Nilsson mit dem Titel "Mein Leben für die Oper", die schon lange auf meinem Wunschzettel stand.
Die anlässlich des Gustav Mahler-Jahres jetzt auch als Taschenbuch erschienene Biografie des Komponisten mit dem Titel "Der fremde Vertraute" von Jens Malte Fischer ist auch von der Kritik als eines der besten Bücher zum Mahler-Jahr gelobt worden - ich bin gespannt!
Sehr interessant auch der Band "Warum Oper?", in dem ausführliche Interviews mit bekannten Opernregisseuren der letzten Jahre enthalten sind - für passionierte Operngänger gibt es hier bestimmt die ein oder andere interessante Sichtweise auf das Musiktheater von heute! Was ich bisher gelesen habe, klingt jedenfalls schon sehr vielversprechend.
Ach ja - von Adam Zamoyski stammt eine Chopin-Biografie, die jetzt anlässlich des Chopin-Jahres auch auf Deutsch erschienen ist und ebenfalls eine günstige Aufnahme bei verschiedenen Rezensenten gefunden hat - da habe ich ja jetzt einiges zu tun ;-)
Als besondere Überraschung gab es dazu noch einen Krimi des Wiener Autors Thomas Raab, der im Milieu sinfonischer Berufsmusiker spielt und von dessen Existenz ich bisher noch gar nichts wusste (obwohl ich normalerweise immer recht gut informiert bin, was so an musikbezogenen Neuheiten auf dem Buchmarkt erscheint): "Der Metzger holt den Teufel"


... ich glaube, ich war dieses Jahr seeeehr brav *zwinker*
Vielen Dank ans Christkind an dieser Stelle!

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Fröhliche Weihnachten!

In diesem Jahr scheint es mit einer landesweiten "weißen Weihnacht" ja tatsächlich einmal zu klappen (mir tun nur diejenigen leid, die über die Feiertage verreisen wollen, um Freunde und Familie zu besuchen...!) - an dieser Stelle daher jetzt die besten Wünsche vom KLASSIKer für ein paar möglichst schöne und harmonische Feiertage!

Zeit für gute Musik sollte auf jeden Fall sein - und das gemeinschaftliche Weihnachtsliedersingen kann auch Spaß machen!

In diesem Sinne - merry Christmas, prettige Kerstdagen, joyeux Noël!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Weihnachtslieder (4)

Um das Thema mit meinen Gedanken und Kommentaren zu den traditionellen und modernen Weihnachtsliedern zum Abschluss zu bringen - ich bin gefragt worden, ob ich nicht ein paar CDs mit Weihnachtsliedern vorstellen könnte, die ich selber immer wieder gerne höre.

Das mache ich natürlich mit großer Freude und präsentiere hiermit nun ein paar CDs, die ich zum Teil schon seit mehr als 10 Jahren immer wieder zur Adventszeit hervorhole und stets wieder mit viel Vergnügen anhöre.

Im Bereich der deutschsprachigen Weihnachtslieder dürfte meine Abneigung gegen CDs, die überwiegend nur die mir musikalisch und textlich viel zu uninteressanten Weihnachtskinderlieder à la "Morgen kommt der Weihnachtsmann" enthalten, nicht wirklich überraschen (-> am besten selber singen!!)...
Ich höre mir in diesem Bereich aber nach wie vor gern Aufnahmen alter geistlicher Advents- und Weihnachtslieder an.
In den letzten Jahren haben einige exzellente junge Vokalensembles hier wirklich schöne Zusammenstellungen (zum großen Teil a cappella) aufgenommen - teilweise in ganz neuen und ungewohnten Arrangements, die die eigentlich längst bekannt geglaubten Melodien in ganz neuem Licht erscheinen lassen und wirklich gut gemacht und gesungen sind!
Ergänzt werden diese Klassiker (wie z. B. "In dulci jubilo") zum Teil durch originelle Aufnahmen von Weihnachtsliedern aus jüngerer Zeit, was zusätzlich Farbe und Leben in diese schönen Einspielungen bringt, die auch klanglich keine Wünsche offen lassen.

Das Repertoire der bekanntesten geistlichen Advents- und Weihnachtslieder in rein instrumentaler Fassung bietet der Organist Kay Johannsen, der schöne und einfallsreiche Orgelimprovisationen über diese bekannten Melodien eingespielt hat - eine CD, die ich ebenfalls Jahr für Jahr sehr gerne höre:

Und wenn man sich für die Präsentation der weihnachtlichen Kinderlieder wirklich etwas Besonderes einfallen lässt (und das Ganze nicht so bierernst, gefühlsduselig und bedeutungsschwanger interpretiert), dann gefallen sogar mir Machwerke wie "O Tannenbaum" oder "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt" :-)
In diesem Zusammenhang möchte ich daher die zum großen Teil richtig schmissige CD von Max Raabe und dem Palast Orchester empfehlen:

Meine Liebe zu traditionellen englischen Christmas Carols schlägt sich auch in etlichen Aufnahmen dieser schönen, für unsere Ohren noch nicht so "abgenutzten" Melodien nieder - am liebsten mit einem traditionellen Chor, in dem die hohen Stimmen mit Knaben besetzt sind und der entweder a cappella oder nur mit Orgelbegleitung singt.
Zum Beispiel die Aufnahme größtenteils klassischer Christmas Carols aus der Tewkesbury Abbey, die bei NAXOS erschienen ist:

Ebenfalls bei NAXOS erschienen ist die exzellente Aufnahme der kanadischen Elora Festival Singers, die neben englischsprachigen Weihnachtsklassikern auch einige weihnachtliche Werke von Komponisten des 20. Jahrhunderts wie zum Beispiel Arthur Honegger (1892-1955) oder John Tavener (geb. 1944) eingesungen haben. Besonders gefallen mir in dem Zusammenhang die 1952 entstandenen "Quatre motets pour le temps de Noël" von Francis Poulenc (1899-1963) - die Elora Festival Singers verfügen über einen wunderbar homogenen, warmen und runden Ensembleklang, es macht wirklich Freude, ihnen zuzuhören! Der Chor singt zum Teil a cappella und wird ansonsten von der Orgel begleitet.
Besonders erwähnenswert ist übrigens gleich das erste Lied "The Huron Carol" auf dieser CD: Es handelt sich dabei um das wohl älteste in Nordamerika entstandene Weihnachtslied (Mitte des 17. Jahrhunderts), wird in dieser Aufnahme ganz besonders schön interpretriert und gehört seitdem zu meinen absoluten Weihnachtslieder-Favoriten!

Das musikalische Gegenstück aus dem französischsprachigen Teil Kanadas kommt von dem Ensemble "La Petite Bande de Montréal", das - teils a cappella, teils mit Orgelbegleitung - einige französischsprachige Weihnachtslieder aufgenommen hat, die man hier bei uns in Deutschland ja fast noch weniger kennt als die zahlreichen englischen Christmas Carols. Die meisten dieser Lieder stammen - anders als der Untertitel "Carols from French Canada" vermuten lässt - natürlich aus Frankreich, werden aber selbstverständlich auch in Québec & Co. gerne gesungen! Dass auch bei dieser Zusammenstellung das ur-kanadische Huron Carol nicht fehlen darf, versteht sich von selbst, komisch ist nur, dass der Chor es in englischer Sprache eingesungen hat (es gibt doch bestimmt auch eine französische Fassung?!!)...

Alles andere als das übliche musikalische Einerlei bietet ein weiterer NAXOS-Titel: "Festive Frolic" bietet neben einigen klassischen Christmas Carols auch eigene Kompositionen (Lieder wie Instrumentaltitel) des Briten Roderick Elms, so zum Beispiel das hörenswerte dreiteilige "Wassail down the wind" für Orgel und Orchester. Die Arrangements der traditionellen Lieder dieser Aufnahme (gesungen von der Joyful Company of Singers) stammen ebenfalls von Roderick Elms und stehen in bester britischer Chormusiktradition. Diese Aufnahme zum gewohnt günstigen NAXOS-Preis war vor ein paar Jahren für mich eine echte Entdeckung und gehört seither für mich zum alljährlichen (vor-)weihnachtlichen Standardprogramm!

Zu den Klassikern aus dem NAXOS-Katalog gehören auch zwei CDs, die Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger Jahre unter der Federführung des Komponisten und Arrangeurs Peter Breiner (geb. 1957) unter dem Motto "Christmas goes Baroque" entstanden sind: Zu hören gibt es hier wirklich originelle und witzige deutsche und internationale Weihnachtslieder in barockem Orchestergewand - man könnte beim Anhören der eigentlch ja hinlänglich bekannten Melodien tatsächlich auf den Gedanken kommen, dass Händel, Vivaldi und Kollegen die eigentlichen Verfasser so bekannter Lieder wie "Jingle Bells" oder "We wish you a merry Christmas" waren!
Peter Breiner hat ein Händchen für derartige augenzwinkernde Arrangements, das muss man ihm lassen - wie er es schafft, das bekannte Air von J. S. Bach quasi im letzten Moment in "White Christmas" umzubiegen - das muss man ihm erstmal nachmachen! Zwei CDs, die einfach Spaß machen, weil sie mit dem vorhandenen, allbekannten Liedmaterial fantasievoll spielen und einige unerwartete Hörerlebnisse der ganz besonders barocken Art bieten!


Weihnachtsklänge im großen Hollywood-Kinosound bietet die CD "Joy to the world", die unter der Leitung der Soundtrack-Legende John Williams (geb. 1932) entstanden ist, der immerhin für so legendäre Filmmusiken wie Star Wars, Jurassic Park, Indiana Jones oder E.T. - Der Außerirdische verantwortlich zeichnet.
So überrascht es nicht, dass man auf dieser CD auch Musik aus dem ja ebenfalls zur Weihnachtszeit spielenden Film "Kevin allein zu Haus" aus dem Jahr 1990 zu hören bekommt, dessen Soundtrack natürlich auch von Mr. Williams stammt.
Zusammen mit einigen weiteren klassischen Christmas Carols (zum Teil in Medleys zusammengefasst) ergibt sich ein üppig orchestriertes, vollklingendes und sehr amerikanisches Weihnachtsspektakel, das ich mir auch immer wieder mal gern anhöre, nicht zuletzt, weil es auch hier einige hierzulande unbekannte, wunderschöne Melodien zu entdecken gibt - und für musikalische Abwechslung vom bei uns üblichen Weihnachtsrepertoire bin ich ja immer dankbar :-)

Dienstag, 21. Dezember 2010

Weihnachtslieder (3)

In den letzten Jahren sind sie vor allem im Fernsehen ganz besonders populär geworden: Listen zu allen möglichen und unmöglichen Themen (warum eigentlich?), meist beginnend mit Titeln wie "Die besten ,.." oder "Die populärsten ..." und Ergänzungen wie "... der Deutschen" oder gleich "... der Welt" *augenroll*

Und nicht nur in den einschlägig hierfür bekannten Privatsendern - nein, auch die öffentlich-rechtlichen Stationen mischen hier kräftig bei diesem "Lieblingslisten-Wahnsinn" mit!
Selbst bei der Präsentation der einzelnen Positionen einer solchen "Liste" gibt es keinen Unterschied (mehr) zwischen Öffentlich-rechtlich und Privat mehr - stets werden die einzelnen Themenbeiträge von mehr oder weniger originellen (meist eher weniger) Kommentaren irgendwelcher eingeblendeter "Prominenter" gestört - wenn ich mich mal wieder in eine solche Sendung verirrt habe, kenne ich allerdings meist nicht einmal die Hälfte der dort zu Wort kommenden Personen (aber ich bin da wohl auch nicht repräsentativ, fürchte ich) und muss daher einfach davon ausgehen, dass es sich hierbei um irgendwie irgendwem bekannte Persönlichkeiten handeln muss, die damit anscheinend das Recht erworben haben, das im TV Gezeigte kommentieren zu dürfen...

Gestern Abend war es nun mal wieder soweit:
Im dritten Programm des Westdeutschen Rundfunks gab es zur besten Sendezeit ganze 90 Minuten zum Thema Die 50 beliebtesten Weihnachtslieder der Nordrhein-Westfalen - war ja klar, dass es früher oder später mal eine Sendung zu diesem Thema auf irgendeinem Sender geben würde...
Immerhin hatte das Ganze einen Lokalbezug, denn es handelte sich hierbei nicht um die Lieblingsweihnachtslieder der Deutschen, sondern eben nur um die der Bewohner des immerhin einwohnerstärksten Bundeslandes (der WDR legt ja großen Wert auf seine regionale Verbundenheit...)

Trotzdem lief das Ganze im Vorfeld so ab, wie es heute wohl senderübergreifend bei allen dieser "Wir-machen-eine-Bestenliste"-Sendungen funktioniert:
Eine von einer Redaktion schon mal vorausgewählte Liste steht im Internet bereit und es darf dort bis zu einer bestimmten Deadline abgestimmt werden, natürlich auch von Nicht-Nordrhein-Westfalen (wie sollte man so etwas auch kontrollieren?).
Wer gerne einen Titel wählen würde, der von der Redaktion nicht gnädigerweise schon einmal mit in die Auswahl aufgenommen wurde, der hat eben Pech gehabt :-(
Immerhin war die Auswahlliste für die erwähnte Sendung recht umfangreich und deckte auch die ganze Bandbreite an weihnachtlichem Musikrepertoire ab (siehe meine "5 Schubladen"), der WDR-typische Regionalbezug war durch einige kölsche Weihnachtslieder gegeben (in Westfalen scheint es solche Mundartlieder zur Weihnachtszeit offenbar nicht zu geben?).
Ich bin durch Zufall im Vorfeld auf diese Abstimm-Liste gestoßen und habe mich dort dann auch einmal betätigt (mein "erstes Mal"!) - 5 Titel durfte man anklicken (meine Wahl habe ich in der Liste unten fett markiert).

Hier nun also das - in großen Teilen leider absolut vorhersehbare - Ergebnis:

Platz 50: Maria durch ein' Dornwald ging
Platz 49: Weejeleed för et Chresskindche
Platz 48: Vom Himmel hoch, da komm ich her
Platz 47: Merry Xmas everybody (Slade)
Platz 46: Fröhliche Weihnacht überall
Platz 45: Eine Muh, eine Mäh
Platz 44: Zu Bethlehem geboren
Platz 43: The power of love (Frankie goes to Hollywood)
Platz 42: In dulci jubilo
Platz 41: Äppel, Nöss un Marzipan
Platz 40: Titelmelodie "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (Karel Svoboda)
Platz 39: Adeste Fideles
Platz 38: Kommet ihr Hirten
Platz 37: Aber Heidschi Bumbeidschi
Platz 36: Happy Xmas (War is over) (John Lennon & Yoko Ono)
Platz 35: Tochter Zion, freue dich
Platz 34: Morgen Kinder wird's was geben
Platz 33: Wonderful dream (Holidays are coming) (Melanie Thornton)
Platz 32: Lasst uns froh und munter sein
Platz 31: Winter Wonderland (Weißer Winterwald)
Platz 30: Schneeflöckchen, Weißröckchen
Platz 29: Santa Claus is coming to town
Platz 28: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit
Platz 27: Mary's boy child
Platz 26: Süßer die Glocken nie klingen
Platz 25: Jauchzet, frohlocket (J. S. Bach Weihnachtsoratorium)
Platz 24: Es ist für uns eine Zeit angekommen
Platz 23: Es ist ein Ros' entsprungen
Platz 22: Little Drummer Boy
Platz 21: Kling Glöckchen, klingelingeling
Platz 20: Ihr Kinderlein kommet
Platz 19: Gloria in excelsis deo (Les anges dans nos campagnes)
Platz 18: Let it snow, let it snow, let it snow
Platz 17: Es kommt ein Schiff, geladen
Platz 16: We wish you a merry Christmas
Platz 15: Leise rieselt der Schnee
Platz 14: Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen
Platz 13: Driving home for Christmas (Chris Rea)
Platz 12: O Tannenbaum
Platz 11: Rudolph the red-nosed reindeer
Platz 10: White Christmas
Platz 9: O du fröhliche, o du selige
Platz 8: Do they know it's Christmas (Band Aid)
Platz 7: In der Weihnachtsbäckerei (Rolf Zukowski)
Platz 6: Feliz Navidad (José Feliciano)
Platz 5: Alle Jahre wieder
Platz 4: Jingle Bells
Platz 3: Ave Maria (Franz Schubert)
Platz 2: Last Christmas
Platz 1: Stille Nacht, heilige Nacht

Es dürfte wohl niemanden überraschen, das "Stille Nacht" den Sieg davongetragen hat, wobei ich mich hier nur wiederholen kann: Was finden bloß alle an diesem Lied, wo es doch musikalisch (und textlich sowieso) jede Menge viel ansprechendere Weihnachtslieder gibt?
Dass "Last Christmas" es bis auf Platz 2 geschafft hat, hat mich dann doch etwas überrascht - ich weiß ja, dass viele Leute diesen Song heiß und innig lieben, aber ihn z. B. "O du fröhliche" vorzuziehen, das hätte ich jetzt wirklich nicht erwartet!
Und ein Titel wie Schuberts Ave Maria auf Platz 3 ist nicht zuletzt aufgrund der Tatsache überraschend, dass es sich hierbei ja eigentlich gar nicht um ein Weihnachtslied handelt, sondern man dieses Lied genausogut auch auf jeder zweiten Hochzeit oder Beerdigung zu hören bekommt...
Man hätte den Titel wohl besser nicht in die Auswahlliste aufgenommen.
Abgestraft wurden auch die kölschen Titel (die ich allesamt auch gar nicht kannte und die mich musikalisch nicht wirklich überzeugt haben) - das hatte man sich von Seite der Macher dieser Sendung sicher auch anders erhofft, aber in puncto Weihnachten geht rheinischer Regionalstolz denn wohl doch mal nicht allem anderen vor (vielleicht waren auch nur die ebenfalls stimmberechtigten Westfalen sauer) ;-)
Etwas gruselig waren zum Teil auch die gezeigten Darbietungen der einzelnen Lieder. Häufig Chöre aus der Region (was ich sehr schön fand), dann aber auch eine Menge Schlager- und Volksmusikstars mit einigen teilweise absonderlichen Liedversionen (was es beides nicht gebraucht hätte!)

Zum Thema "kompetente Kommentatoren", die es natürlich auch bei dieser Sendung zuhauf gab und die munter in die Liedbeiträge (um die es doch eigentlich gehen sollte) reinquatschen durften, noch ein kleines Beispiel:
Ein gewisser Joey Kelly meinte zu "Leise rieselt der Schnee": "Das ist eines der wenigen deutschen Weihnachtslieder" und hielt dann inne, weil er jenseits der Kamera offenbar in diesem Moment in jede Menge entsetzter bis ungläubiger Gesichter geblickt haben dürfte, worauf er sich dann beeilte, sich zu verbessern, dass es wohl doch einige deutsche Weihnachtslieder geben dürfte und nicht nur ein paar wenige...!
Wunderbar, da weiß man doch, warum man der GEZ die Gebühren in den Rachen wirft ;-)

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Heute in der Lunch-Time-Orgel

Heute gab es die letzte Lunch-Time-Orgel des Jahres 2010: Wolfgang Abendroth spielte für uns ein reines Barockprogramm, beginnend mit einem Werk des früh verstorbenen Nicolaus Bruhns (1665-97), einem wichtigen Vertreter der norddeutschen barocken Orgelschule.
Passend zur Jahreszeit bekamen wir Bruhns' große, mehrteilige Choralfantasie über das alte Adventslied "Nun komm, der Heiden Heiland" zu hören.

Dann folgten zwei Werke von Johann Sebastian Bach (1685-1750), die man nicht unbedingt mit der Orgel in Verbindung gebracht hätte:
In einer selbst erstellten Orgelfassung spielte Wolfgang Abendroth zunächst das sehr bekannte Adagio (= der 2. Satz) aus dem Doppelkonzert für zwei Violinen d-moll BWV 1043, was auch auf der Orgel sehr ansprechend klang.

Abschließend gab es dann noch die Präludien und Fugen in C-Dur, c-moll und D-Dur aus dem "Wohltemperierten Klavier" (Band 1), die sich, hier zeigte es sich wieder einmal, auch sehr gut auf der Orgel spielen lassen, zumal man hier durch unterschiedliche Registrierungen Abwechslung und Farbe in diese Sammlung von Präludien und Fugen quer durch alle Tonarten bringen kann.
Abendroth spielte das weltberühmte C-Dur-Präludium ganz zurückgenommen ausschließlich in den hohen Oktaven, wodurch es sehr filigran und zerbrechlich wirkte. Im Kontrast dazu dann die eher kräftige C-Dur-Fuge im "klassischen Orgelgewand".
Präludium und Fuge in c-moll eignen sich nicht zuletzt wegen der langen Bassnoten an mehreren Stellen besonders gut für eine Darbietung auf der Orgel - beide Stücke scheinen geradezu für die Orgel gemacht worden zu sein (oder zumindest deren typischen Klang imitieren zu wollen)!
Das "flockige" D-Dur-Präludium bekam durch die originelle Registrierung fast so etwas wie "Karibik-Flair": Der Klang der Orgel erinnerte hier ein wenig an ein Marimbaphon. Die zugehörige, im "französischen Ouvertürenstil" komponierte D-Dur-Fuge gab es zum Ausklang dann feierlich-prunkvoll mit vollem Orgelwerk: Wenn man das Stück so hörte, konnte man fast gar nicht glauben, dass es sich hierbei eigentlich um einen Satz aus dem WTK handelte...!

Das war's für dieses Jahr mit der Mittwochsorgelei - ab dem 12. Januar 2011 geht es im neuen Jahr dann wieder weiter!

Dienstag, 14. Dezember 2010

Weihnachtslieder (2)

... jetzt also noch die fehlenden 3 meiner persönlichen Weihnachtslieder-Schubladen:

3. Internationale Weihnachtslieder
Dies ist die für mich seit einigen Jahren interessanteste "Lieder-Kiste" - ich mache hier nach wie vor immer wieder neue Entdeckungen und bin froh, dass sich somit im Lauf der Zeit das musikalische Dezember-Repertoire um einige wunderschöne Lieder erweitert hat (denn die deutschsprachigen Lieder kennt man ja irgendwann zur Genüge und vor allem die aus der Kategorie 2 sind - wie erwähnt - vor allem musikalisch gesehen ja nicht sooo ergiebig)!
Wenn ich hier so verschiedene Titel Revue passieren lasse, fällt mir allerdings die im Moment doch sehr dominierende Rolle der englischsprachigen Weihnachtslieder auf - vielleicht, weil im angelsächsischen Raum das "Wassailing" oder "Christmas Caroling", also des geselligen Herumziehens während man gemeinschaftlich Weihnachtslieder anstimmt, eine jahrhundertelange Tradition hat? Ich vermute, dass es wohl daran liegt (vielleicht auch an der Dominanz von nicht-deutschsprachigen Weihnachts-CDs aus Großbritannien und USA...) - das lässt mich immerhin hoffen, künftig auch noch mehr Weihnachtslieder z. B. aus Frankreich, Spanien, Skandinavien oder slawischen Ländern kennenzulernen.
Um nur mal ein paar Titel zu nennen:
The holly and the ivy
We wish you a merry Christmas
Deck the halls with boughs of holly
I saw three ships come sailing in
It came upon the midnight clear
In the bleak midwinter
God rest ye, merry gentlemen
The Coventry Carol
Jingle Bells
Good King Wenceslas
Gabriel's message
The First Nowell
The Sussex Carol
O come all ye faithful
I wonder as I wander
Once in royal David's city
The Huron Carol
The first Noël
O come, o come, Emmanuel
Hark! the herald angels sing
Il est né, le divin enfant
Les anges dans nos campagnes
Noël nouvelet
Bethlehems stjärna

usw.

Diese Lieder stellen eine bunte Mischung aus alten Kirchenliedern und neueren Kompositionen (Schwerpunkt 18. und 19. Jahrhundert) dar. Das Schöne ist, dass sich hier sowohl ausgesprochen festliche Hymnen finden, wie z. B. Hark! the herald angels sing oder O come all ye faithful, aber auch die von mir so besonders geliebten, etwas melancholisch angehauchten Weihnachtslieder, wie God rest ye, merry gentlemen, The Coventry Carol, I wonder as I wander, The Huron Carol oder In the bleak midwinter sind erstaunlich reichhaltig vertreten!
Und dann natürlich die einfach nur fröhlichen Lieder, die zum Mitsingen geradezu einladen, z. B. Jingle Bells, Deck the halls und natürlich We wish you a merry Christmas!
Vielleicht ist es der Reiz des Neu(er)en - aber ich persönlich empfinde die Melodien vieler dieser Lieder als wesentlich ansprechender und interessanter als die vieler deutscher Weihnachtslieder (zumindest die aus der 2. Kategorie)!
Ist wahrscheinlich reine Geschmackssache und den altbekannten deutschen Weihnachtsliedern gegenüber wohl auch ein wenig ungerecht - jedenfalls bin ich froh, in den letzten Jahren hier neues, gut anhör- und spielbares Liedmaterial gefunden zu haben!

4. Weihnachtsklassiker der Swing- und Musical-Ära
Es mag überraschen, das diese Weihnachts-Songs für mich eine eigene Kategorie bilden (was auch wieder mal der Dominanz der englischsprachigen Musikindustrie auch hierzulande geschuldet sein dürfte), aber ich bin ein ziemlicher Fan vieler dieser mittlerweile zu "Klassikern" gewordenen Titel, die mehrheitlich so zwischen 1920 und 1960 entstanden sind, meist von Komponisten aus der US-(Film-)Musical-Branche stammen und heutzutage zumindest in der westlichen Welt bereits zu einer Art musikalisch-weihnachtlichem Allgemeingut geworden sind!
Da wären zum Beispiel:
Let it snow! Let it snow! Let it snow!
White Christmas
Have yourself a merry little Christmas
The Christmas Song ("Chestnuts Roasting on an Open Fire")
Here comes Santa Claus
Silver Bells
It's the most wonderful time of the year
I'll be home for Christmas
Carol of the drum ("The little drummer boy")
Sleigh Ride
Winter Wonderland
Frosty the snowman
Santa Claus is coming to town
Rudolph, the red-nosed reindeer
Mary's boy child
Santa Baby

usw.

Wenn man - wie ich - klassische Broadway-Musicals (oder Hollywood-Streifen aus dieser Zeit) mag, dann kommt man an Weihnachtsliedern wie diesen einfach nicht vorbei! Zum Teil wunderbar schwülstig-gefühlsbeladen, mit üppig-schmelzenden Streicherklängen oder im schmissigen Bigband-Klang - alles in allem eine schöne Abwechslung und Ergänzung zu den meist deutlich älteren, vom Charakter her oft ganz anders gearteten klassischen Weihnachtsliedern aus den Kategorien 1 bis 3!
Und oft gibt es auch noch sehr gelungene neue Versionen dieser mittlerweile ja auch schon etwas in die Jahre gekommenen Schätzchen - denn auch kein "Swinger" oder "Crooner" von heute (wie z. B. Harry Connick Jr., Michael Bublé, Chris Botti, Tom Gaebel oder Till Brönner) möchte auf Titel wie diese zur Weihnachtszeit verzichten...!

5. Christmas-Popsongs
Wir bleiben im englischsprachigen Sektor: Neben Kategorie 2 besitzt diese Lieder-Gruppe hier für mich mit den größten "Nerv-Faktor":
Schaltet man dieser Tage ein Radio ein, dann erklingt innerhalb der nächsten 15 Minuten mit Sicherheit ein Titel aus dieser Gruppe! Auch auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern läuft man derzeit große Gefahr, hiermit totgedudelt zu werden! :-(
Es gibt immerhin auch hier ein paar Lieder, die ebenfalls mittlerweile zu Klassikern geworden sind und in keinem Jahr zur Weihnachtszeit fehlen dürfen, aber die Gruppe der Songs, die einfach nur anstrengend anzuhören sind, ist leider deutlich größer!

Ein paar Beispiele (mit für mich aufsteigendem "Nerv-Faktor"):
A Spaceman Came Travelling (Chris de Burgh)
Happy Xmas (War Is Over) (John Lennon, Yoko Ono and the Plastic Ono Band)
Driving home for Christmas (Chris Rea)
Merry Xmas Everybody (Slade)
Step into Christmas (Elton John)
Thank God it's Christmas (Queen)
Wonderful Christmastime (Paul McCartney)
Last Christmas (Wham!)
All I want for Christmas is you (Mariah Carey)


Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen, allerdings ist es nicht immer ganz einfach, hier Originalbeiträge und Cover-Versionen auseinanderzuhalten:
Die Grenzen zu den Song-Klassikern aus der Kategorie 4 sind nämlich fließend, da die meisten dieser älteren Titel vornehmlich aus den 1940er oder 1950er Jahren mittlerweile auch in modern aufgemotzten "Pop-Versionen" vorliegen - von denen leider nicht wirklich viele gelungen sind oder gar als "originell" zu bezeichnen wären, weil sie dem alten Material noch einen neuen Aspekt abtrotzen können. Aber gelungene Ausnahmen gab und gibt es immer wieder - ich lasse mich in jeder Saison gerne auf's Neue überraschen!

Soviel für heute zu diesem Thema - mein großes Interesse an Weihnachtsliedern aller Art dürfte damit wohl deutlich geworden sein ;-)

Montag, 13. Dezember 2010

Weihnachtslieder

Nach einer Woche vorweihnachtlicher Auszeit melde ich mich hier jetzt auch mal wieder zu Wort - mein heutiges Thema ist zur Zeit, ob freiwillig oder nicht, sowieso in jedermanns und -fraus Ohren: Weihnachtslieder haben im Moment ja absolut Hochkonjunktur!
Ob im Radio, in den Kaufhäusern und Geschäften, auf dem Weihnachtsmarkt, im Rahmen alljährlicher zahlreicher Neuerscheinungen auf CD oder auch in den eigenen vier Wänden: Überall kling(el)t es in diesen Wochen mehr oder weniger (vor)weihnachtlich vor sich hin - und nervt des Öfteren schon mal ganz gewaltig!

Klassische und moderne Weihnachtslieder besitzen für mich zum einen zwar oft einen großen Erinnerungswert und sind mir lieb und teuer, nicht wenige finde ich aber nur schwer erträglich und bin froh, wenn ich sie möglichst nicht so häufig ertragen muss...

Ich persönlich teile Weihnachtslieder für mich in 5 Kategorien ein (man hat es ja gern hübsch ordentlich und übersichtlich *zwinker*):

1. Geistliche deutschsprachige Weihnachtslieder
Die meisten dieser Lieder finden sich vor allem in den Kirchengesangbüchern und sind mehrheitlich bereits mehrere hundert Jahre alt.
Ich denke da zum Beispiel an Lieder wie
Macht hoch die Tür
Nun komm, der Heiden Heiland
O Heiland, reiß die Himmel auf
Es kommt ein Schiff, geladen
Wie soll ich dich empfangen?
Maria durch ein Dornwald ging
Tochter Zion, freue dich
Vom Himmel hoch, da komm ich her
Lobt Gott, ihr Christen alle gleich
Es ist ein Ros' entsprungen
Zu Bethlehem geboren
Brich an, du schönes Morgenlicht
In dulci jubilo
Ich steh' an deiner Krippen hier

und so weiter...

Diese Lieder mag ich eigentlich ganz gerne, zum einen, weil sie zum Teil ein beeindruckendes Alter aufweisen und damit für unsere heutigen Ohren so schön archaisch und damit eigentlich eher "unweihnachtlich" klingen (zumindest im landläufigen Sinne). Ich mag auch zum anderen sehr gerne die zur Abwechslung mal etwas melancholischeren Weihnachtslieder in moll-Tonarten und daher gehören Lieder wie Es kommt ein Schiff, geladen oder Maria durch ein Dornwald ging zu meinen besonderen Favoriten! Außerdem ist es schön, dass man diese Weihnachtslieder eben nicht so häufig zu hören bekommt und sie so immer noch etwas Besonderes bleiben. Da viele dieser Lieder alt genug sind, dass auch barocke oder klassische Komponisten sie schon gekannt haben, ist es ein weiterer Vorteil, dass man hier auch mal Variationen und Bearbeitungen dieser alten Melodien z. B. von J. S. Bach, Brahms, Reger, Karg-Ehlert & Co. zu hören bekommt, was dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz verleiht!

Aus Bachs umfangreichem Werk gibt es seine adventlich-weihnachtlichen Beiträge (Orgelvorspiele, Choräle, geistliche Lieder, etc.) zum Beispiel in einer schönen und abwechslungsreichen Zusammenstellung, die im Jahr 2000 im Rahmen der Gesamtausgabe Bach-Akademie beim Label Hänssler erschienen ist.

2. Weihnachtskinderlieder
Für mich persönlich ist dies mit die problematischste Gruppe mit dem höchsten "Nerv-Faktor"! Für diese Lieder gibt es aus meiner Sicht eigentlich nur die Devise: "Anhören: Nö! - Selber musizieren: Unbedingt!"
Nur so ertrage ich Lieder wie
Alle Jahre wieder
Lasst uns froh und munter sein
Morgen kommt der Weihnachtsmann
Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen
Leise rieselt der Schnee
Süßer die Glocken nie klingen
Ihr Kinderlein kommet
O Tannenbaum
Kling, Glöckchen, klingelingeling
Morgen Kinder wird's was geben

etc.

Da diese Gruppe mit Abstand die bekanntesten und beliebtesten deutschsprachigen Weihnachtslieder enthält, hört man unzählige Interpretationen hiervon im Moment (wie in jedem Jahr) überall, wo man hingeht: Kaufhaus, Supermarkt, Adventsbazar...
Dargeboten von Kinderchören, Blockflötenensembles, Schlagerstars, usw.
Diese Weihnachtslieder stammen fast ausnahmslos aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, als sich Weihnachten schwerpunktmäßig zunehmend von der kirchlichen Feier in das im trauten Familienheim begangene Kinderfest verwandelte, wie wir es heute wohl alle kennen. Entsprechend naiv-herzig sind die Texte der hier vertretenen Lieder, der geistliche Aspekt wird dabei zum Teil komplett vom "Geschenke-Faktor" verdrängt und - ganz entscheidend - die Melodien sind an Kinderliedern orientiert einfach, kurz ... und musikalisch meist völlig uninteressant!
Sicher, man kann sie schnell lernen und behalten, aber musikalisch geben die meist kurzen Strophen nicht viel Interessantes her, so dass ich mich frage, warum zum Besipiel Jahr für Jahr immer wieder neue Aufnahmen mit genau diesen Liedern produziert werden? Musikalisch stehen die meisten dieser Weihnachtslieder auf einer Stufe mit "Ganzjahrestiteln" wie "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" oder "Alle Vögel sind schon da" - und diese Lieder werden ja auch nicht ständig neu eingespielt oder irgendwo aufgeführt...?!
Die Beliebtheit gerade dieser Weihnachtslieder muss damit zusammenhängen, dass sie für viele Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken und diese gerne wachgerufen und an folgende Generationen weitergegeben werden sollen.
Und genau das prädestiniert diese Lieder für mich vor allem zum Selber- und Mit-Kindern-Singen:
Lieder wie Alle Jahre wieder oder Leise rieselt der Schnee zusammen mit anderen zu musizieren und zu singen (einfach genug sind sie ja!) macht natürlich gerade auch den Kindern Spaß und genau dafür sind diese Lieder meiner Meinung nach auch einzig und allein geeignet - aber bitte nicht zum Dauerbeschalltwerden in der Innenstadt! Da vergeht einem dann der Spaß wirklich ganz schnell!

Zwei kleine persönliche Ausnahmen muss ich hier allerdings machen:

O du fröhliche und Stille Nacht, die ich eigentlich auch zu dieser zweiten Gruppe dazuzählen würde, sind aufgrund ihrer ganz besonderen Beliebtheit nochmal ein Fall für sich:
O du fröhliche lässt sich als festliche Hymne wunderbar gemeinsam singen - als Kind kenne ich es, dass am Ende des Gottesdienstes am Abend des 24.12. die ganze Gemeinde dieses Lied zusammen im Stehen sang und daher verbinde ich gerade mit diesem Lied dieses typisch festlich-friedliche Gemeinschaftsgefühl, das für mich unbedingt zu Weihnachten gehört!

Und das eigentlich so simple Stille Nacht, heilige Nacht, dessen große auch internationale Beliebtheit mir nach wie vor ein Rätsel ist, ist in seiner leider viel zu selten dargebotenen Urfassung von 1818 tatsächlich ein wirklich schönes Weihnachtslied, das irgendwo zwischen volkstümlicher Naivität und großer Festlichkeit seinen Platz findet. Warum man zu 95 % nur noch die vom Komponisten Franz Xaver Gruber (1787-1863) (oder einem anonymen Bearbeiter stammende) meines Wissens in den 1830er Jahren angefertigte vereinfachte Melodie zu hören bekommt (in der auch die letzte Zeile nicht mehr wiederholt wird), weiß ich nicht - ich kann aber nur jedem empfehlen, sich mal mit der eigentlichen Ur-Fassung von Stille Nacht, heilige Nacht zu beschäftigen - gerade auch der Wechsel von Solosängern und antwortender Gemeinde am Ende jeder Strophe und natürlich die etwas ausgeschmücktere Melodiestimme haben deutlich mehr Reiz als die allüberall heruntergedudelte "abgespeckte" Version...! Man findet plötzlich wieder Gefallen am vermeintlich längst Bekannten - und das ist dann mal wirklich ein toller Aha-Effekt (jedenfalls ist es mir seinerzeit so ergangen)!


Fortsetzung folgt (einmal werden wir noch wach!)...

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Neulich im Theater...

Nach dem Ausflug ins Gerling-Quartier im Kölner Friesenviertel mit Monteverdis Poppea beim letzten Mal zieht die Opernkarawane jetzt weiter ins Palladium in den Kölner Stadtteil Mülheim (für Nicht-Kölner: Dieser und die angrenzenden Stadtteile sind diejenigen mit dem höchsten türkischen Migrantenanteil) und in dieser bislang in der Hauptsache für Rockkonzerte genutzten Veranstaltungshalle hatte nun am 26. November 2010 als erste einer ganzen Reihe noch folgender Opern passenderweise Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail Premiere. Ich habe die gestrige, insgesamt dritte Vorstellung besucht (Dauer knapp drei Stunden inkl. Pause).

Zunächst: Im Gegensatz zum sich zur Zeit in einer Art Vor-Sanierungszustand befindlichen Opernhaus in der Innenstadt liegt das Palladium, eine alte Industriehalle, zusammen mit einigen anderen ähnlichen Gebäuden (wie zum Beispiel dem E-Werk) in einem ehemaligen Industriegebiet am Rande des Stadtteils Mülheim - und damit schon ziemlich deutlich an der Peripherie unserer Großstadt.
Ob man unter den in Mülheim ansässigen Mit-Kölnern allerdings nun plötzlich mehr Opernbesucher verzeichnen kann, wie man im Vorfeld lesen konnte (da die Oper ja nun plötzlich quasi in Fußweite vor der eigenen Hautür liegt), möchte ich allerdings ein bisschen bezweifeln - da würde mich wirklich einmal interessieren, ob man hier den Versuch macht, das irgendwie herauszufinden. Wäre ja toll, wenn man ganz wider Erwarten tatsächlich doch ganz neue Opernfreunde durch diesen "Tapetenwechsel" gewinnen könnte!

Auf Dauer kann diese Spielstätte aber keine Lösung sein, da für viele Opernbesucher zum Beispiel ein Restaurantbesuch oder Schaufensterbummel vor oder nach der Vorstellung einfach dazugehört und dies dort draußen natürlich nicht so einfach mal eben möglich ist. Dann fehlen auch ausreichend Parkplätze (dort draußen eigentlich noch nötiger als in der City!) und natürlich gute Anbindungen an den öffentlichen Nahverkehr, auch wenn die Kölner Verkehrsbetriebe extra eine Opernbus-Linie eingerichtet haben, die das Palladium mit den zentralen Haltestellen und dem Bahnhof in Mülheim verbindet - aber man verliert dann auch schnell den Spaß an der ganzen Sache, wenn einem dieser Bus nach dem Verlassen der Spielstätte gerade vor der Nase weggefahren ist und man ungeschützt und ohne Dach in der klirrenden Kälte bei Schneetreiben auf den nächsten Bus warten muss - selbst wenn dieser dann nur knapp 10 Minuten später kommen mag, bei den zur Zeit herrschenden Witterungsverhältnissen kann einem so eine Wartezeit schon wie eine Ewigkeit vorkommen und der eine oder die andere BesucherIn mag sich daraufhin vielleicht einen weiteren Besuch im alternativen Opernhaus "dort draußen" nochmals gründlich überlegen…

Die Örtlichkeit an sich ist trotzdem eine gute Wahl: Das Ambiente (typische alte Industriearchitektur mit hohen Räumen, rustikalen Backsteinmauern und vielen Stahlträgern) hat schon was für sich und alle Mitarbeiter vor Ort waren sichtlich bemüht, es den Besuchern in der ungewohnten Atmosphäre so angenehm wie möglich zu machen.
Die sicherlich größte Überraschung: Die Akustik im Saal (wo man eine Zuschauertribüne errichtet hat, die ca. 800 Personen Platz bietet) ist exzellent - da gab es keinerlei Abstriche zu machen (damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet)!

Die Inszenierung von Opern-Intendant Uwe Eric Laufenberg nimmt denn auch die nüchtern-moderne Industrieatmosphäre auf und lässt die Entführung aus dem Serail im Kurdistan (das wurde im Stück explizit so erwähnt!) der Jetzt-Zeit in einer trist-grauen Beton- und Lagerhauskulisse spielen.
Weitere Infos und Bilder zu dieser Produktion siehe hier!

Diese Modernisierung des Ganzen ist ja - dank der abendländisch-türkischen Konfrontation in dieser Oper - seit einiger Zeit für Regisseure quasi eine Verpflichtung, lässt sich doch hier wunderbar ein Beitrag zur immer noch allgegenwärtigen Migrations- und Integrationsdebatte abliefern, der allein schon deswegen die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit erhält und gleichzeitig auch beweist, wie wunderbar zeitgemäß und aktuell auch die klassische Oper sein kann…
Naja - ich finde diese Argumentation mittlerweile etwas fadenscheinig. Auch in der aktuellen Kölner Inszenierung gab es -zig Bilder, die man so bereits mehrfach gesehen hat, sei es in anderen Inszenierungen der Entführung aus dem Serail oder in anderen Beiträgen zu dieser mir irgendwie endlos scheinenden Thematik…!

Und damit verliert für mich die Begründung, warum man überhaupt diese Aktualisierungen in Angriff nimmt (nämlich die, neue, bislang unbekannte Sichtweisen und aktuelle Bezüge aufzuzeigen), doch etwas an Stichhaltigkeit:
Wenn jetzt schon die seit Jahren so beliebten Handlungsmodernisierungen beginnen, durch einander sehr ähnliche (teils identische) Elemente eine Art "klassischen Kanon" herauszubilden, wäre es dann nicht höchste Zeit, sich entweder etwas ganz Neues auszudenken oder zur Abwechslung auch mal wieder an die eigentlichen Ursprünge des jeweiligen Werks zurückzukehren? Ich persönlich habe nach dem Erleben mehrerer moderner "Entführungen" im heutigen muslimisch-arabischen Ambiente keine große Lust mehr, mir noch eine weitere Aufführung in diesem Stil anzusehen - es fängt einfach an, mich zu langweilen…

Außerdem passt diese Kombination "moderner, möglichst realistisch dargestellter Orient versus Mozart" nur schwer zusammen:
Mozarts Orientbild entstammt einer damals grassierenden Orientmode - man begeisterte sich für das exotische, fremdländische, und üppig-bunt erscheinende Morgenland à la "1001 und eine Nacht" und bastelte sich daraus eine Art Wunschvorstellung der "Welt der Muselmanen", die natürlich nur äußerst begrenzt der Realität entsprach (aber wer konnte das zur damaligen Zeit schon persönlich nachprüfen?) und vor allem natürlich aus europäischer Sicht interpretiert wurde, was vielen kritischen Autoren übrigens auch eine gute Gelegenheit bot, durch Schilderungen von orientalischen Herrschern, Völkern und Begebenheiten eine darin verpackte Kritik der eigenen (europäischen) Gesellschaft einzuflechten.

Auf musikalischer Ebene zeigt sich dieser naive, abendländische Blick auf den Orient schon durch das, was man damals im Allgemeinen unter "türkischer Musik" verstand: Sobald die aus damaliger Sicht noch sehr exotisch wirkenden Instrumente wie Tamburin, Becken, Triangel und große Trommel erklangen, wussten alle Zuhörer sofort, dass der Komponist jetzt "alla turca" aufspielen ließ, auch wenn der ganze Rest der Musik nach wie vor durch und durch abendländisch blieb.
Ich bin sicher, wenn man diese Musik, wie sie Mozart auch mehrfach innerhalb seiner Entführung aus dem Serail verwendete, damals einem Osmanen oder auch heute einem Türken oder Araber vorspielen würde, wären diese sicher sehr überrascht, wenn man ihnen sagen würde, dass diese jetzt "türkische Musik" sein solle, bloß weil da mal ordentlich auf die "dicke Trumm" gehauen wird und dazu Becken und Triangel erklingen…

Und so ist Mozarts Entführung aus dem Serail eben nicht nur von der Musik her eine exotische, märchenhafte Handlung, die typische Lustspielfiguren auftreten lässt (z. B. das "hohe", ernste Paar Konstanze - Belmonte, das komische Dienerpaar Blonde - Pedrillo und den tumb-komischen Bösewicht Osmin) und keinen Anspruch auf irgendeinen szenischen Realismus hegt (das wäre im Uraufführungsjahr 1782 mangels Wissens um die tatsächlichen Zustände im osmanischen Reich auch schwierig geworden).

So gesehen wirken heutige Versuche dann immer etwas hilflos, wenn man auf Biegen und Brechen zum Beispiel aus der Figur des Osmin einen gewalttätigen, machohaften Brutalinski machen möchte, wie man ihn eben aus zahllosen heutigen Berichten aus muslimischen Ländern zu kennen glaubt.
Mozarts Musik, mit der er die Figur des Osmin charakterisiert, entlarvt diese Versuche dann letztendlich immer ganz schnell als gescheitert (ebenso wie zum Beispiel die Tatsache, dass das kapriziöse Blondchen diesen vom Regisseur so gerne gewünschten "muslimischen Monster-Macho" allein mit ihrer Drohung, ihm die Augen auszukratzen, in Schach halten kann)!

Irgendwie sollten Regisseure doch auch mal darauf hören, was die Musik der Oper, die sie auf die Bühne bringen sollen, über Handlung und Figuren aussagt - dann würden meiner Meinung nach einige krude Regie-Konzepte, die oft allein aus der Textgrundlage einer Oper entstanden zu sein scheinen, nämlich ziemlich schnell in sich zusammenfallen, weil sie durch die Musik einfach nicht glaubhaft rübergebracht werden können. Aber dieser doch eigentlich so wichtige Aspekt scheint mir erstaunlich oft völlig ausgeblendet zu werden, leider...!

Zur aktuellen Kölner Inszenierung kann ich nur sagen:
Sie störte den Opernabend wenigstens nicht - und das ist für modernes Regietheater schon ein großes Kompliment! Man nahm das Ganze Drumherum zur Kenntnis und wurde zum Glück nicht weiter unnötig von der Musik abgelenkt - was will man mehr *zwinker*

Ein paar nette Ideen waren immerhin in der gestrigen Inszenierung dabei, die eine Erwähnung verdienen: So erscheinen beispielsweise zu Beginn des dritten Aktes während Pedrillos als Startsignal für die eigentliche Entführung gedachter Ballade "Im Morgenland gefangen war" nicht nur die (wie alle weiblichen Insassinnen des Serails) bis zur Unkenntlichkeit verschleierten Konstanze und Blonde (die sich beide übrigens erwartungsgemäß während der Oper gleich mehrfach in einem Akt dramatisch-rebellischen Aufbegehrens die Verschleierung vom Körper reißen), sondern nach und nach gleich mindestens ein Dutzend Burka-Trägerinnen mit Reisetaschen bepackt und Pedrillo bemerkt nach Beendigung seines Liedes leicht verzweifelt: "Alle können wir nicht mitnehmen!".

Oder Osmin, der während seiner Arie "Solche hergelauf'nen Laffen" vergeblich versucht, eines der frisch angelieferten Maschinengewehre (Waffen mal wieder! *gähn*) anhand der beiliegenden Bauanweisung zusammenzusetzen, während er immer wieder großspurig die Worte "Ich hab' auch Verstand!" von sich gibt. Mit wenigen routinierten Handgriffen hilft ihm Pedrillo dann schließlich beim Zusammenbau und wird zum Dank dafür von Osmin gleich mit der jetzt gebrauchsfertigen Waffe bedroht…

Die Idee, nicht nur Osmin bisweilen türkisch (oder war es kurdisch - ich habe keine Ahnung!) sprechen und zu Beginn sogar singen zu lassen, sondern die Sprechrolle des Bassa Selim gleich mit einem irakisch-kurdischen Schauspieler (Ihsan Othmann) zu besetzen, der seinen gesamten Text auf kurdisch (?) vortrug, fand ich eher nervig als wirklich originell.
Denn die an sich gute Idee, die Sprachproblematik, auf die die Europäer im Morgenland zwangsläufig stoßen, hierdurch sinnfällig zum Ausdruck zu bringen, wird ja doch wieder ganz schnell ad absurdum geführt, wenn Osmin zum Beispiel nach seinem auf türkisch (?) gesungenen Auftrittslied "Wer ein Liebchen hat gefunden" seine nächste Arie, das schon erwähnte "Solche hergelauf'nen Laffen", dann doch wieder in schönstem Hochdeutsch zum Besten gibt!

Und während der Bassa im ersten Akt seinen Text komplett unübersetzt von sich gibt (und Konstanze ihn trotzdem zu verstehen scheint), fungiert Osmin ab dem zweiten Akt dann als Dolmetscher, was seiner Rolle in verstärktem Maße die Bedrohlichkeit nimmt, denn es ist schon ungewohnt, diesen unbeherrschten "Wüterich" nun plötzlich die ganzen, wohlüberlegten und klugen Bemerkungen des Bassa Selim sprechen zu hören - das hätte man sich sparen können!
Entweder man zieht diese Sprachthematik konsequent durch oder man lässt es gleich bleiben…

Erst ganz am Ende spricht der Bassa übrigens seinen einzigen deutschen Satz - nämlich die entscheidende Feststellung "Wen man durch Wohltat nicht für sich gewinnen kann, den muss man sich vom Halse schaffen!" - diese Sentenz bekam dann wenigstens durch den Überraschungseffekt, dass man den Bassa nun plötzlich doch verstehen konnte, ein zusätzliches Gewicht!

Zur Musik:
Wie schon bei der Poppea wurde auch diesmal das Gürzenich-Orchester vom Alte-Musik-Spezialisten Konrad Junghänel in souveräner Art und Weise geleitet: Zügige, frische Tempi, transparenter Orchesterklang und an den entsprechenden Stellen ein knackiger und mitreißender "alla turca"-Sound!
Die Sängerinnen und Sänger erhielten unter seiner Leitung in ihren Arien genug Gelegenheit, die für die Zeit typischen quasi-improvisierten Überleitungen und Koloraturen darzubieten, die das Ganze zu richtig schön stimmungsvollem Mozart-Gesang machten!

Gut gefallen hat mir der australische Tenor Brad Cooper als Belmonte (der ab Mitte Dezember auch den Tamino in der Kölner Neuinszenierung der Zauberflöte singen wird): Er verfügt über eine schöne, tragfähige und lyrische Tenorstimme und singt mit großer Textverständlichkeit.

Statt der eigentlich vorgesehenen, aber kurzfristig erkrankten Russin Olesya Golovneva, die die Konstanze singen sollte, übernahm das Kölner Ensemblemitglied Anna Palimina (aus Moldawien) die Partie - ihr Rollendebüt als Konstanze war eigentlich erst für den 15. Dezember vorgesehen und wurde gestern genauso vorgezogen wie das von Csilla Csövari (Ungarn), die erstmalig die Partie der Blonde auf der Bühne übernahm, die gestern eigentlich noch von Anna Palimina hätte gesungen werden sollen…

Beide Damen gefielen mir außerordentlich gut (auch darstellerisch), besonders Csilla Csövari erfreute mit ihrer flexiblen Stimme durch einige besonders helle und klare Spitzentöne - das war wirklich klasse!

Noch ein australischer Tenor: John Heuzenroeder als Pedrillo, der ebenfalls eine solide Leistung ablieferte und auch schauspielerisch überzeugte.

Etwas enttäuscht war ich von Osmin, der von Wolf Matthias Friedrich gesungen wurde: Darstellerisch eindeutig besser als sängerisch, wie ich fand! Die zahlreichen besonders tiefen Stellen, die ja die Partie des Osmin so besonders reizvoll machten, mag er vielleicht angestimmt haben, zu hören waren sie jedenfalls nicht. Überhaupt hatte der Bassist (der mir streckenweise überraschenderweise eher etwas baritonal vorkam) meinem Eindruck nach häufiger Schwierigkeiten, sich gegen das Orchester durchzusetzen - irgendwie ging seine Stimme mehrfach etwas unter - nicht nur an den besonders tiefen Stellen.

Alles in allem also ein vor allem musikalisch gelungener Mozart-Abend mit einer nicht weiter den Musikgenuss störenden Inszenierung, die nicht wirklich neue Einblicke und Erkenntnisse lieferte (aber muss das eigentlich jede Inszenierung?) und deren Modernisierung immerhin gut zum ungewohnten Ambiente im Kölner Palladium passte.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Zufallsfund

Erwähnte ich schon mal, dass ich großer Loriot-Fan bin?

Es gibt schon merkwürdige Zufälle:
Noch vor ein paar Wochen habe ich mich beim Schreiben des Beitrags zur Oper Der Freischütz an Loriots Inszenierung dieser Oper erinnert, die er 1988 im Rahmen der Ludwigsburger Schloßfestspiele auf die Bühne brachte - und an seine meiner Meinung nach noch viel gelungenere Inszenierung von Friedrich von Flotows romantisch-komischer Oper Martha zwei Jahre zuvor am Staatstheater Stuttgart, die ich beide mal als TV-Aufzeichnungen gesehen habe.
Beim Schreiben meines Freischütz-Beitrags habe ich mich dann etwas wehmütig gefragt, ob es wohl nochmal eine Gelegenheit geben würde, diese Inszenierungen irgendwie und -wo einmal wiederzusehen...

Mein Wunsch wurde schneller erfüllt, als ich es gedacht hätte - gestern stolpere ich doch tatsächlich über diese Box mit insgesamt 5 DVDs:

Und diese wirklich sehr aufwendig und liebevoll zusammengestellte Box erfüllt mehr als nur diese beiden Wünsche:
Neben beiden erwähnten Opern-Inszenierungen des Herrn von Bülow enthält diese Sammlung eigentlich alles, was zum Thema "Loriot und (klassische) Musik" via TV jemals gesagt wurde!

Da gibt es zum Beispiel die legendären Moderationen Loriots, die zwischen 1997 und 2004 im Rahmen der Festlichen Operngala für die AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin entstanden sind, sowie die in ähnlichem Stil verlaufene Veranstaltung am selben Ort im Jahr 1995, die unter dem Motto "Wagners RING an einem Abend" stand.

Dann gibt es Konzertmitschnitte (ebenfalls aus Berlin), in denen Loriot seine ganz eigenen, mittlerweile recht bekannten und verbreiteten Zwischentexte zu den Werken "Der Karneval der Tiere", "Peter und der Wolf" und "Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten" präsentiert.

Und anlässlich seines 80. Geburtstags im November 2003 gibt es die Aufzeichnung der in München konzertant dargebotenen Bernstein-Operette Candide, in der Loriot ebenfalls als Erzähler mit selbstverfassten Zwischentexten in Erscheinung tritt.

Und als wenn das alles noch nicht genug wäre, enthält jede DVD zahlreiche kleine Extras, wie Sketche zu musikalischen Themen, Probenmitschnitte, Interviews mit dem Meister und weitere TV-Beiträge und -Auftritte, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben und die sich um Loriots Begeisterung für und Auseinandersetzung mit der klassischen Musik drehen.

Ich bin wirklich sehr angetan, weil damit ganz unerwartet für mich ein langgehegter Wunsch in Erfüllung geht!

Die Box (übrigens mit ausführlichem Textheft!) ist - zumindest für die Freunde auch des musikalischen Loriot (das trifft sicherlich nicht auf jeden Fan zu...) - somit die ideale Ergänzung zur "klassischen" Sammelbox, die wahrscheinlich eh ein Muss ist für jeden Freund gepflegten Humors deutschen Ursprungs (den es ganz offensichtlich ja tatsächlich gibt *zwinker*)


Oder wie heißt es im Begleittext zur Neuerscheinung der DVD-Box "Loriot und die Musik":
Loriot beherrscht kein Instrument, daher entwickelte sich die Musik zu seiner großen Leidenschaft. Eine glückliche Verbindung von Komik und Harmonie auf 5 DVDs.

... kann ich nur unterschreiben, diesen Satz! Danke, lieber Nikolaus :-)

Heute in der Lunch-Time-Orgel

Neben dem großen Adventskranz, der jedes Jahr so in der Johanneskirche steht und dazu passendem Pflanzenschmuck auf dem Altar gibt es in der Kirche in diesem Jahr erstmals einen leuchtenden Sternenhimmel zu bewundern, der sich über die gesamte hohe und gewölbte Decke erstreckt - das ist jetzt wohl als Folge der großen Renovierungs- und Modernisierungsaktion des Innenraums in den Vorjahren dank eines technisch ausgefeilten Beleuchtungskonzepts so möglich und sieht wirklich ausgesprochen festlich aus!

Passend zu dieser stimmungsvollen Atmosphäre spielte Wolfgang Abendroth heute für uns Musik des deutschen Spätromantikers Sigfrid Karg-Elert (1877-1933), der heute hauptsächlich wegen seines umfangreichen Orgelwerks bekannt ist.

Aus Karg-Elerts Spätwerk gab es den sechssteiligen Zyklus Cathedral Windows op. 106 zu hören, in dem Karg-Elert ausgesprochen einfalls- und abswechslungsreiche Fantasien über sechs gregorianische Themen zu Papier gebracht hat.
Da sich die von ihm ausgewählten gregorianischen Themen mehr oder weniger in einen vorweihnachtlichen Zusammenhang bringen lassen, passte dieser Zyklus wirklich gut in die erste Adventswoche.

Die sechs Sätze tragen folgende Titel: Kyrie eleison, Ave Maria, Resonet in laudibus, Adeste fideles, Saluto angelico (Gruß des Engels an Maria) und Lauda Sion.

Vor allem die Weihnachtslieder Adeste fideles, das bei uns unter dem Titel "Herbei, o ihr Gläubigen" bekannt ist und das Resonet in laudibus, das bei uns mit dem deutschen Text "Joseph, lieber Joseph mein" gesungen wird, trugen natürlich zum jahreszeitlich passenden Gesamtcharakter der Cathedral Windows bei.
Eine gute Idee von Herrn Abendroth war es, vor jedem Satz zunächst kurz den ihm zugrundeliegenden gregorianischen Choral anzuspielen, was das Wiedererkennen der jeweiligen Melodie in den komplexen Fantasien Karg-Elerts dann zumindest ansatzweise ermöglichte.

Freitag, 26. November 2010

Requiem-Vertonungen: Karl Jenkins

Zum Abschluss dieser kleinen Requiem-Reihe (in deren Verlauf ich hoffentlich ein klein wenig von der Vielgestaltigkeit und Faszination rüberbringen konnte, die die Missa pro defunctis auf mich ausübt!), möchte ich heute noch ein fast noch "taufrisches" Requiem vorstellen - es ist im Jahr 2005 erstmals auf CD erschienen und stammt von dem walisischen Komponisten Karl Jenkins (geb. 1944) - jawohl: Noch ein Brite…! :-)

Karl Jenkins begann seine musikalische Laufbahn als Oboist und studierte Musik an der Universität von Wales in Cardiff. In den darauffolgenden Jahren machte er als Jazzmusiker, Saxophonist und Keyboarder von sich reden, spielte in Jazz- und Artrock-Formationen und war hierbei auch schon kompositorisch tätig, vor allem im Bereich elektronischer Musik, wo er auch von der sogenannten Minimal Music inspiriert wurde, die in den 1970er Jahren zu den maßgeblichen Strömungen im Bereich der sogenannten E-Musik gehörte.

Nachdem er in den 1980er Jahren als Komponist von Musik für die Werbung tätig war, dürfte er in den Neunzigern hierzulande vor allem durch sein Musikprojekt Adiemus bekannt geworden sein - der bekannteste Titel von Adiemus wurde wiederum für einen Werbespot einer amerikanischen Fluglinie verwendet und fand dadurch große Verbreitung.

Ende der Neunziger begann Jenkins mit einer Reihe von Vertonungen klassischer geistlicher abendländischer (und damit lateinischer) Texte, so z. B. die Messe "The Armed Man - A Mass for Peace", die anlässlich des Jahrtausendwechsels entstand, mittlerweile gibt es auch ein "Stabat Mater" (2008), ganz neu ein "Gloria" und "Te Deum" (2010) und eben das 2005 erschienene Requiem.
Jenkins' Requiem weist einige typische Stilelemente des Komponisten auf, die einem in seinen Werken häufiger begegnen:
Die althergebrachten lateinischen Worte kombiniert er gerne mit anderen Texten und verfährt hier ähnlich wie Benjamin Britten oder John Rutter in ihren jeweiligen Requiem-Vertonungen.
Jenkins legt aber seinen Schwerpunkt bei der Wahl dieser ergänzenden Texte gerne auf in totalem Kontrast zu dem lateinischen Text stehende Dichtungen, zum Beispiel aus dem arabischen oder asiatischen Raum - in diesem Punkt versteht er sich als "Weltmusiker", der gern auch fremdländische Klangwelten und Instrumente in seine Werke integriert - man denke nur an den in der Regel exotischen Sound von Adiemus!

In seinem Requiem hat er sich nun für die Vertonung von fünf japanischen Haikus entschieden, eine spezielle kurze Gedichtform aus Japan, die jeweils nur aus drei Zeilen und den darin enthaltenen Worten mit einer vorgeschrieben Silbenzahl besteht und die sich in den letzten Jahren zunehmend auch in Europa einer immer größeren Fangemeinde erfreut. Passend zur Requiem-Thematik geht es in diesen Haikus auch um die Thematik "Tod und Vergänglichkeit" - sie werden auf japanisch gesungen.
Den Text des Offertoriums sowie einige Verse der umfangreichen Sequenz vertont Jenkins übrigens nicht.

Jenkins unterteilt sein ca. 54-minütiges Requiem (das übrigens auch er dem Andenken seines verstorbenen Vaters gewidmet hat) in die folgenden dreizehn Sätze:

-Introitus: Requiem aeternam/ Kyrie eleison
-Sequenz: Dies irae
-The snow of yesterday (Haiku)
-Rex tremendae
-Confutatis
-From deep in my heart (Haiku)
-Lacrimosa
-Now as a spirit (Haiku)
-Pie Jesu
-Having seen the moon (Haiku)/ Benedictus
-Lux aeterna
-Farewell (Haiku)/ Agnus Dei
-In paradisum


Neben Chor (der stets homophon geführt wird) und Orchester sind ein Sopran und ein Knabensopran als Solisten vorgesehen, wobei im Booklet der CD-Aufnahme zwar "Soprano" steht, ich die zu hörende Stimmlage aber eher in die Region "Mezzosopran" einordnen würde.

Typisch für Jenkins sind die - wohl durch die Minimal Music inspirierten - steten Motivwiederholungen (meist in einem moderat vorantreibenden Rhythmus), die während eines Satzes als Fundament des Ganzen in der Regel unablässig aneinandergereiht werden, während sich darüber dann die einzelnen Instrumentenstimmen und natürlich die Gesangslinien entfalten. Ergänzend zu diesen Bass-Stimmen setzt Jenkins meist auch noch Percussion-Instrumente ein, die sich jedoch weitgehend dezent im Hintergrund halten.

Dieses Kompositionsprinzip findet man in nahezu allen oben erwähnten Jenkins-Kompositionen der letzten Jahre - es verleiht seiner Musik ein stets vorantreibendes, repetitives Element, das im Zeitalter ähnlich strukturierter Popmusik (deren Klängen und typischen Elementen Jenkins nach wie vor hörbar nahesteht) beim Publikum ganz gut anzukommen scheint - ich finde es manchmal etwas anstrengend (um nicht von eintönig zu sprechen), wenn zum Beispiel der Dies irae-Satz (in dem Jenkins den Text gleich mehrerer Strophen der Sequenz unterbringt) fast 5 Minuten lang in ein und demselben rhythmischen Tonfall (Jenkins spricht hier gar von einem "Hiphop-Rhythmus") voraneilt und stets dieselben Motive nochmals und nochmals wiederholt werden…!

Das mag ja für Discomusik gut taugen, aber ob man so die ja nun nicht gerade belanglosen Texte der Missa pro defunctis passend vertont, wage ich doch etwas zu bezweifeln.

Auch die ständig wiederholten "Rex"-Rufe im Rex tremendae nerven mich doch sehr - hier wäre etwas weniger Wiederholung vielleicht mehr gewesen…

Wenn ich an ein klassisches Confutatis denke, habe ich immer zuerst Mozarts dramatische Vertonung dieser Textstelle im Ohr - Karl Jenkins überrascht den Hörer mit einem ausgesprochen ruhigen, zunächst a cappella beginnenden Chorsatz, der so gar nichts mit der Aussage des hier zugrundeliegende Textes zu tun zu haben scheint.

Das Lacrimosa klingt noch am ehesten "konservativ" im Sinne einer traditionellen Vertonung der Totenmesse aus dem 19. Jahrhundert - wenn man es nicht besser wüsste, könnte man bei diesem Satz nach dem Hören einiger Passagen tatsächlich auf die Idee kommen, dass diese Musik aus dem Zeitalter der Romantik stammt…

Auch Jenkins gesteht (wie es auch John Rutter oder Andrew Lloyd Webber getan haben) dem Pie Jesu einen eigenen und damit herausgehobenen Satz zu - vor allem das ja recht bekannt gewordene Pie Jesu aus Webbers Requiem scheint für seine Komposition mehr als deutlich Pate gestanden zu haben: Hier wie dort ist der Satz ein zartes, verinnerlichtes Duett zwischen Knabensopran (der bei Jenkins nur in diesem Satz zum Einsatz kommt) und Sopran, dem später noch der Chor hinzugefügt wird. Eine Solo-Violine verleiht dem Satz noch zusätzlichen Schmelz und gerade das zu den einleitenden Worten "Pie Jesu" erklingende Motiv klingt dermaßen frappant nach Webbers Pie Jesu, dass man schon fast erstaunt ist über den Mut von Karl Jenkins, an dieser prominenten Stelle tatsächlich so unverblümt an Webbers Komposition aus dem Jahr 1985 zu erinnern… *zwinker*

Ganz unabhängig davon ist auch dieses Pie Jesu ein intensives, ausgesprochen klangschönes Stück Musik geworden, das seine Wirkung bestimmt nicht verfehlt - das muss man Jenkins schon neidlos zugestehen!

Der letzte Satz, das In paradisum, ist streng genommen kein Bestandteil der Missa pro defunctis, sondern ein Hymnus, der auf dem Weg zum Grab intoniert wird - der Text ist aber ab und an auch als Bestandteil von Requiem-Kompositionen vertont worden, zum Beispiel von Gabriel Fauré (1845-1924) im Jahre 1888.
Jenkins kombiniert den Chorgesang in diesem Satz mit einer sehr apart klingenden Solo-Harfe - trotzdem endet dieser letzte Satz (und damit das gesamte Requiem) dann doch relativ unerwartet und unspektakulär, fast hat man an dieser Stelle den Eindruck, als käme da jetzt noch etwas hinterher...

Die fünf Haiku-Vertonungen wirken auf mich wie Fremdkörper, die außer vielleicht ihrer thematischen Aussage zu Tod und Vergänglichkeit zur restlichen Requiem-Musik nicht viel Bezug zu haben scheinen.
Jenkins wählt als bewussten Kontrast zur Musik zu den anderen (lateinischsprachigen) Sätzen für die auf japanisch gesungenen Sätze eine betont fremdartig, asiatisch klingende Musik, wobei er als markantestes Instrument eine japanische Flöte, eine Shakuhachi, einsetzt. Passagenweise erinnert mich der Klang dieser "exotischen" Sätze an den typischen Klang von Adiemus - offenbar klingt bei Jenkins asiatisch angehauchte Musik nun einmal so, dabei hätte es hier sicher auch originale japanische musikalische Vorbilder zur Orientierung für die Komposition gegeben (wenn der Komponist schon ein japanisches Instrument einsetzt)!

Diese Haikus werden ausschließlich von der Sopranistin vorgetragen, wobei ihre Stimme zumindest in der CD-Aufnahme stellenweise auch noch durch elektronische Verfremdung und Vervielfältigung ein für mich gerade in diesen doch eigentlich bewusst archaisch klingenden Sätzen ziemlich künstliches Element erhält, das ich in diesem Zusammenhang als eher unpassend empfinde. Hier hätte man die Solistin einfach mal mit ihrer natürlichen Stimme singen lassen sollen und vielleicht mehr Wirkung erzielt!
Ärgerlich ist auch die Tatsache, dass allein drei der fünf Haiku-Sätze am Ende ausgeblendet werden - das alles macht eine Wiedergabe dieser Musik im Rahmeen eines Konzert nicht gerade einfacher…

Die Tatsache, dass die "japanischen" Sätze in Jenkins' Requiem auf mich wie Fremdkörper ohne jede Integrationsbemühungen stehen, wird leider auch nicht durch die Tatsache wettgemacht, dass die beiden letzten Haiku-Sätze mit den lateinischen Texten des Benedictus und Agnus Dei kombiniert werden: Während die lateinischen Texte im Stil gregorianischer Mönchsgesänge erklingen, verfährt Jenkins bei der Vertonung der Haikus wie gehabt und erreicht damit eigentlich nur, dass beide Stile nebeneinander herlaufen, ohne das ein wie auch immer gearteter Dialog zwischen ihnen entsteht, was schade ist, denn hier hätte sich eine interessante Chance geboten, beide einander so fremdartigen Klang- und Glaubenswelten miteinander zu verbinden…

Außerdem wäre es sicher nicht nötig gewesen, statt eines (für die Aufnahme ja vorhandenen) Herrenchors, der die "Mönchsgesänge" hätte übernehmen können, lediglich einen einzelnen Bassisten singen zu lassen, dessen Stimme dann wiederum elektronisch vervielfältigt wurde, um sie voluminöser und chorisch klingen zu lassen - das hätte wirklich nicht sein müssen!

Mein Fazit:
Jenkins präsentiert hier Musik, die es so oder so ähnlich bereits mehrfach in seinen anderen Werken zu hören gibt - in diesem Zusammenhang finde ich seine Vertonung der "Mass for Peace" aus dem Jahr 2000 wesentlich gelungener, konzeptionell durchdachter und mehr aus einem Guss!
In der Düsseldorfer Johanneskirche wird diese Messe - und das übrigens nicht zum ersten Mal! - am 31.12.10 im Rahmen eines Silvesterkonzerts aufgeführt.

Jenkins' Requiem wirkt auf mich in seiner Gesamtheit eher zusammenhanglos, einzelne Sätze sind allerdings wirklich gelungen, es gibt einige schöne musikalische Ideen, dafür aber auch einige ärgerliche Stellen - im Großen und Ganzen halten sich gute und weniger passende Elemente nach meiner persönlichen Einschätzung jedoch die Waage - ein interessantes Projekt ist das Ganze auf jeden Fall: Wer komponiert schließlich heutzutage noch lateinische Totenmessen? So etwas hat dann schon Beachtung verdient, finde ich!


An der bei EMI Classics erschienenen Aufnahme aus dem Jahr 2005 haben unter anderem mitgewirkt:
Nicole Tibbels (Sopran), Sam Landman (Knabensopran), Gavin Horsley (Bass), Clive Bell (Shakuhachi), Marat Bisengaliev (Violine), Catrin Finch (Harfe), Serendipity-Chor, Côr Caerdydd & Cytgan, West Kazakhstan Philharmonic Orchestra, Karl Jenkins (Dirigent)

So - der Monat November neigt sich seinem Ende zu, am Sonntag ist der 1. Advent, ab dann ist es wieder Zeit für andere Musik (dazu dann ab nächster Woche mehr...), meine kleine Requiem-Reihe findet damit zunächst ihren Abschluss, wird aber fortgesetzt - versprochen (es gibt ja schließlich noch soooo viele weitere wunderbare Requien)!! *zwinker*

Donnerstag, 25. November 2010

Requiem-Vertonungen: Andrew Lloyd Webber

Nur wenige Monate vor dem Requiem von John Rutter komponierte auch der damals bereits weltberühmte Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber (geb. 1948) ein Requiem, das auch er seinem im Jahr 1982 verstorbenen Vater widmete.

1984 entstanden und am 24.02.1985 in New York City uraufgeführt, wurde dieses Requiem von Anfang an mit Argwohn und Misstrauen beäugt:
Es ging mal wieder um die alte Frage, ob ein Komponist, der sich vor allem im Genre des unterhaltenden Musiktheaters einen Namen gemacht hatte, tatsächlich auch "ernstzunehmende Musik" komponieren kann (und darf)?
Vielleicht merkt man an meiner Formulierung dieser Fragestellung, dass ich persönlich diese "Problematik" für ziemlich überflüssig halte - warum sollte so etwas denn bitteschön nicht möglich sein? Im 18. Jahrhundert hat auch niemand angezweifelt, dass zum Beispiel ein Bach, Haydn oder Mozart sowohl ernste wie auch unterhaltende Musik komponieren und auf beiden Gebieten gleichermaßen erfolgreich und schöpferisch aufrichtig tätig sein kann. Ich habe noch nie gehört oder gelesen, dass irgendwer diesen Komponisten daraus einen Vorwurf gemacht hat!
Seit dem 19. Jahrhundert hingegen begegnet man immer häufiger Kritikerstimmen, die von einem Komponisten (oder Dichter) erwarten, dass er oder sie irgendwann eine Art Grundsatzentscheidung zu treffen hat: Entweder die "ernsthafte" Kunst - oder die "leichte Muse" (die, wenn sie denn gut gemacht ist, gar nicht so leicht ist, wie es nach außen hin dann den Anschein hat!).
Einen Zwischenweg scheint es nicht zu geben und wer es doch wagt, sich auf beiden Gebieten zu betätigen, der wird von Kritik und den lieben Kollegen geschmäht, bespöttelt und mit dem Stempel "nicht ernst zu nehmen" abgeschoben...!
Als traurig-berühmtes Beispiel könnte man hier den britischen Komponisten Arthur Sullivan (1842-1900) nennen, den man nach seinen zahlreichen Erfolgen auf dem Gebiet der komischen Oper als Komponist auch anderer Werke (Oratorien, Kirchenmusik, Kammermusik, etc.) nicht mehr zur Kenntnis nehmen wollte.

Aber zurück zum Thema:
Auch Andrew Lloyd Webbers Requiem erntete ausgesprochen gemischte Kritiken - die Tatsache, dass der Komponist nicht irgendein, sondern der international bekannteste Musical-Komponist der letzten Jahre war, dürfte zu einem für die Aufführung eines solchen kirchenmusikalischen Werks ungewöhnlich großen Medieninteresse geführt haben.
Kein Kritiker konnte sich diese Steilvorlage entgehen lassen, so scheint es - eine intensive Auseinandersetzung mit der Musik des Requiems an sich, ganz unabhängig von der Person ihres Schöpfers, dürfte wohl zu etwas differenzierteren Urteilen führen (das ist jedenfalls meine Meinung).

Obwohl Webbers Requiem im selben Zeitraum und aus ähnlichem Anlass wie das Rutter-Requiem entstanden ist, sind damit die Gemeinsamkeiten beider Totenmessen aber auch schon fast erschöpft.

Webber vertont in Gegensatz zu John Rutter tatsächlich den kompletten lateinischen Text der Missa pro defunctis und er sieht einen für in anglikanischer Tradition stehender Kirchenmusik typischen Chor vor, in dem die hohen Stimmlagen mit Knaben besetzt sind.

Die Satzaufteilung fällt entsprechend (weitgehend) traditionell aus:

-Introitus: Requiem aeternam/ Kyrie eleison
-Sequenz: Dies irae

--Recordare
--Ingemisco/ Lacrimosa

-Offertorium/ Sanctus
--Hosanna/ Benedictus/ Dies irae/ Exaudi
-Pie Jesu/ Agnus Dei
-Communio: Lux aeterna/ Libera me


Am auffälligsten ist die etwas ungewöhnliche Trennung zwischen dem Sanctus (das an das Offertorium angehängt ist) und dem eigentlich hierzu gehörenden Hosanna in excelsis, das einen eigenen Satz erhält, dem dann auch noch das Benedictus sowie kurze Wiederholungen des Dies irae und des Exaudi (aus dem Introitus) folgen.
Außerdem kombiniert Webber in seinem insgesamt doch recht kompakt wirkenden, gut 45 Minuten dauernden Requiem auch das Kyrie mit dem einleitenden Requiem aeternam, das Agnus Dei mit dem in französischer Tradition stehenden Pie Jesu (eigentlich ein Teil der Sequenz, das hier als vorletzter Satz noch einmal separat auftaucht) und das Lux aeterna mit dem Responsorium Libera me, das eigentlich gar nicht zur Missa pro defunctis gehört, aber von zahlreichen Komponisten als Abschluss ihrer Requiem-Kompositionen berücksichtigt wurde (z. B. Franz von Suppé oder Giuseppe Verdi).

Webbers Requiem sieht als Besetzung zwei Knabensoprane vor (wobei der zweite nur zu Beginn des ersten Satzes solistisch zum Einsatz kommt), einen Solosopran und -tenor, sowie Chor, Orgel und Orchester.
Den Sopranpart schrieb Webber seiner damaligen zweiten Ehefrau Sarah Brightman (geb. 1960) auf den zierlichen Leib und berücksichtigte hierbei ihren großen Tonumfang und die charakteristische Wendigkeit ihrer hellen und klaren Stimme.
Als Tenorsolist konnte sowohl für die Plattenaufnahme im Dezember 1984 wie auch für die Uraufführung zwei Monate später kein Geringerer als Plácido Domingo gewonnen werden - der Komponist dieser Totenmesse war halt nicht irgendwer!
Stardirigent Lorin Maazel übernahm die Leitung des Ganzen.

Zu Beginn wird - nach einem kurzen, von schmerzlich wirkenden harmonischen Reibungen geprägten Zwiegesang der beiden Boy trebles - ein charakteristisches kurzes Motiv auf die Worte "Requiem aeternam" in mehrfach wechselnden Kombinationen der Solisten und des Chores wiederholt und später bei den Worten Rex tremendae in der Sequenz erneut aufgegriffen.

Die Sequenz wird weitgehend vom Chor geprägt, es gibt teilweise dramatische Ausbrüche, die dem hier gesungenen Text Rechnung tragen. Wie im gesamten Requiem wird der Chor auch hier fast ausschließlich homophon geführt, was zum einen eine große und beeindruckende Durchschlagskraft an den lauten Stellen gewährleistet, zum anderen für eine gute Textverständlichkeit sorgt - letzteres ein Charakteristikum anglikanischer Kirchenmusik.

Mit dem Recordare setzt Webber eine Zäsur innerhalb der Sequenz und überlässt nun dem Sopran sein großes, technisch sehr anspruchsvolles Solo. Hier klingt Webber meiner Meinung nach am ehesten so, wie man ihn auch aus seinem 1986 uraufgeführten Musical Das Phantom der Oper her kennt - wenn man bedenkt, dass auch hier Sarah Brightman die weibliche Hauptrolle übernommen hat, überrascht es nicht, dass auch das Recordare frappant im typischen, immer ein wenig an große Oper erinnernden Webber-Tonfall der 1980er Jahre gehalten ist.

Nachdem der Tenor ein längeres, passend zum Text oft abgehackt und verzagt wirkendes Solo im Ingemisco absolviert hat, übernimmt erneut der Chor das Geschehen, wobei das Lacrimosa in der Mitte vom Confutatis unterbrochen wird - und der Zuhörer spätestens hier merken dürfte, woran ihn der Chorgesang der gesamten Sequenz schon erinnert haben dürfte: Webber hat sich hier ganz eindeutig von den charakteristischen Chören aus Carl Orffs Carmina burana inspirieren lassen!
Das erneute Aufgreifen des Lacrimosa durch den Chor hat den Charakter eines inständigen Gebets; für den im Pianissimo verklingenden Satz hat dann erkennbar die Parallelstelle aus Verdis Requiem Pate gestanden - trotz der intensiven Wirkung und des eigenständigen Beginns sind das dann doch ein bisschen viele Stilkopien in ein und demselben Satz, wie ich finde...

Das Offertorium ist eine Mischung aus einem (erneut homophon gehaltenen) Chorhymnus und einem pompösen Zwischenspiel aus Orgelsolo und Orchestertutti. Das Hostias überrascht mit einem jazzigen Grundrhythmus, weitgehend a cappella gehalten schließt sich unmittelbar das Sanctus an.

Wie ein Fremdkörper wirkt das nun folgende, als Einzelstück recht bekannt gewordene Hosanna: Sein flott-schmissiger, von lateinamerikanischer (?) Musik inspirierter Grundrhythmus scheint nicht so recht in das Umfeld eines Requiems zu passen - diese durch und durch fröhliche Lobeshymne hat dann auch eindeutig Musicalnähe (wenn man die denn in einer solchen Komposition von einem solchen Komponisten unbedingt suchen möchte)...
Am Ende dieses Satzes bricht dann jedoch ziemlich unvermittelt der Sopran mit einem "Dies irae"-Ruf (zum charakteristischen Motiv aus dem Recordare-Satz) in die ausgelassen-festliche Stimmung und der Chor schließt mit einem im Pianissimo vorgetragenen Exaudi diesen Satz ab: Die kurzzeitige, ausgelassene Freude ist wieder der ruhigen und bedächtigen Stimmung einer Totenmesse gewichen.

Das Pie Jesu, ein zartes Duett zwischen Knabensopran und Sopran, das später auch vom Chor begleitet wird, ist der emotionale und berührende Höhepunkt des ganzen Werkes - es ist der bekannteste Satz aus Webbers Requiem geworden.
Ich habe in diesem Zusammenhang schon von Vergleichen mit Mozarts berühmtem "Laudate Dominum" oder Orffs "In trutina" (wiederum aus Carmina burana!) gelesen, aber muss ein wirklich guter kompositorischer Einfall denn unbedingt mit anderen Stücken verglichen werden? Dieses Pie Jesu steht für sich und hat eine wirklich anrührende Wirkung, an der man eigentlich nichts schmälern oder kritisieren kann!
Diese musikalisch doch herausragende Bedeutung des vom Text her eigentlich eher unscheinbaren Pie Jesu teilt Webbers Requiem unter anderem mit Faurés berühmtem Requiem aus dem Jahr 1888, aber zum Beispiel auch mit dem fast zeitgleich entstandenen Requiem seines Landsmanns John Rutter.

Der letzte Satz hat zunächst einen eher hymnischen Charakter, bevor das charakteristische "Requiem"-Motiv des Beginns erneut aufgegriffen wird (ein kompositorischer Kunstgriff, der einem an dieser Stelle von Requiem-Vertonungen häufiger begegnet).
Statt der friedlich-versöhnlichen Schluss-Stimmung, auf die nun alles zuzulaufen scheint, überrascht Webber seine Zuhörer nun mit einem (noch dazu für einen Musical-Komponisten!) gänzlich unerwarteten Manöver: Auf einmal bricht ein wüst-dissonantes Orgel-Pauken-Gewitter in größter Lautstärke und Heftigkeit herein, so dass auch der letzte, zwischenzeitlich friedlich eingenickte Konzertbesucher wieder aufgeschreckt sein dürfte! (Ob da wohl das Phantom der Oper an der Orgel saß...?)
Was der Komponist mit diesem Ausbruch - zumal an dieser Stelle - aussagen will (wir befinden uns ja nicht mehr im Weltuntergangs-Szenario des Dies irae der Sequenz!), erschließt sich mir nicht so ganz - vielleicht ist es ein bewusst gegen die Hörerwartungen des Publikums gerichtetes "Störmanöver" nach dem Motto "Hört alle her - ich traue mich, anders zu komponieren, als ihr es von mir eigentlich erwarten würdet"?
Ein raffinierter Schlusseffekt ist jedenfalls, dass der Knabensopran nach diesem "Donnerwetter" im Pianissimo die Worte "Requiem aeternam" zum bereits bekannten "Requiem"-Motiv nun ganz alleine in die plötzlich entstandene Stille hineinsingt und dabei immer leiser wird, bis sich das Ganze ins Unhörbare verliert und das Requiem damit dann zu Ende ist.

Mein Fazit:
Andrew Lloyd Webbers Requiem ist ein abwechslungsreiches Musikstück, mit einigen wirklich originellen, klangschönen und auch modern klingenden kompositorischen Ideen, teils aber auch etwas zu offensichtlichen Stilkopien aus anderen Werken - langweilig wird einem beim Zuhören jedenfalls nicht und ich würde mir wünschen, diesem Stück auch einmal häufiger im Konzert begegnen zu können.

Mir ist derzeit nur die schon erwähnte Studioproduktion aus dem Dezember 1984 bekannt, die beim Label EMI erschienen ist und folgende Besetzung aufweist:

Paul Miles-Kingston (Knabensopran)
Sarah Brightman (Sopran)
Plácido Domingo (Tenor)
Winchester Cathedral Choir
James Lancelot (Orgel)
English Chamber Orchestra
Dirigent: Lorin Maazel

Mittwoch, 24. November 2010

Requiem-Vertonungen: John Rutter

Von der Mitte des 18. Jahrhunderts nun zum Ende des Requiem-Monats noch einen Sprung ans Ende des 20. Jahrhunderts!
Ich übergehe in voller Absicht die Zeit des späten 18. Jahrhunderts und des kompletten 19. Jahrhunderts (also die Epoche, in der die meisten, heute weltberühmten Requiem-Vertonungen entstanden sind, quasi von Mozart bis Fauré) und hole diesen Zeitraum demnächst ganz bestimmt noch nach - zunächst nun aber noch ein paar moderne Requiem-Kompositionen, die auch unbedingt hörenswert sind, wie ich finde!


Heute nun das im Jahr 1985 entstandene Requiem des Engländers John Rutter (geb. 1945), das er dem Andenken seines 1984 verstorbenen Vaters widmete.

Rutter studierte ab 1964 am altehrwürdigen Clare College in Cambridge und war dort von 1975 bis 1979 der Director of Music. Hier gehörte vor allem die Leitung des dortigen Chors zu seinen Aufgaben - dieser renommierte Chor ist einer der ersten gemischten College-Chöre in Cambridge; traditionell werden eigentlich in diesen Chören die hohen Stimmen mit Knabenstimmen besetzt, was diesen Ensembles einen ganz typischen Klang verleiht.
Ab 1979 widmete sich John Rutter verstärkt seiner kompositorischen Arbeit, im Jahr 1981 gründete er die Cambridge Singers - beiden Ensembles ist er nach wie vor eng verbunden und viele seiner Werke sind von diesen Chören uraufgeführt worden.

Ich schätze Rutter als einen echten Mann der (Chor-)Praxis, der zum einen genau weiß, was er Chören und Publikum abverlangen kann (und dabei auch Anleihen aus Jazz und Pop-Musik nicht scheut) und zum anderen seinen kompositorischen Anspruch dabei nie aus den Augen verliert: Populäre Klänge ja - aber keine Anbiederung!
Diesen oft schmalen Grat meistert Rutter meiner Meinung nach seit Jahren sehr gekonnt - symptomatisch finde ich hingegen die Tatsache, dass ein moderner Komponist mit dieser doch sehr undogmatischen und erfrischend unvoreingenommenen Einstellung verschiedenen Musikstilen gegenüber in der Regel Engländer oder Amerikaner ist und eben nicht aus Deutschland stammt!
Komponisten mit einer solchen Einstellung werden bei uns als "ernstzunehmende Musiker" leider eher nicht zur Kenntnis genommen oder als kommerzielle Scharlatane abgestempelt...
Hier würde ich mir mal eine etwas entspanntere Sichtweise auch hierzulande wünschen - das Ganze führt übrigens auch dazu, dass die Musik von Komponisten wie John Rutter trotz ihrer Qualitäten bei uns in Deutschland kaum bekannt ist, während zum Beispiel sein Requiem in den USA von Anfang an mit großer Begeisterung aufgenommen wurde... *seufz*

Rutter unterteilt sein Requiem (Aufführungsdauer ca. 35 Minuten) in sieben Abschnitte, wobei er allerdings nicht alle Teile der Missa pro defunctis vertont und teilweise selbstausgewählte englischsprachige Textpassagen aus dem Book of Common Prayer aus dem Jahr 1662 (einer der textlichen Grundpfeiler der anglikanischen Kirche) einfügt. Vielleicht hat er sich hierbei von der Textgestalt des 1962 uraufgeführten War Requiem von Benjamin Britten (1913-76) inspirieren lassen, in dem auch englische Texte mit den traditionellen lateinischen Worten kombiniert werden. Als Mitglied des renommierten Chors der Londoner Highgate School war Rutter als Schüler an der 1963 unter Brittens Leitung eingespielten Aufnahme des War Requiem beteiligt gewesen und hatte so eine besondere persönliche Verbindung zu diesem berühmten Werk.

-Introitus: Requiem aeternam
-Out of the deep
(Psalm 130)
-Pie Jesu
-Sanctus
-Agnus Dei
-The Lord is my shepherd
(Psalm 23)
-Communio: Lux aeterna

Rutter wollte mit seiner Komposition ein zeitgemäßes "Requiem of our time" schaffen und ließ sich vom berühmten Requiem op. 48 aus dem Jahr 1888 des Franzosen Gabriel Fauré (1845-1924) inspirieren, das mit seiner friedlichen, alles Dramatische und Grelle meidenden Grundstimmung in bewusstem Gegensatz zu den großen, düsteren Requiem-Vertonungen von Berlioz, Verdi & Co. steht.

Rutters Requiem sieht einen Solosopran und gemischten Chor vor, alternative Fassungen für Orchester und Kammerensemble (Flöte, Oboe, Cello, Harfe, Pauken, Schlagwerk [z. B. Glockenspiel] und Orgel) entstanden gleichzeitig. Die Fassung mit reduzierter instrumentaler Begleitung ermöglicht somit auch Aufführungen in kleinerem Rahmen.

Wie bei Fauré herrscht auch bei Rutter eine friedlich-tröstliche Stimmung vor, auch wenn der erste Satz ausgesprochen düster und beklemmend mit dumpfen Paukenschlägen im Pianissimo beginnt und der Chor fast gesprochen mit den Worten "Requiem aeternam" einsetzt (wobei es eine Reihe dissonanter Reibungen gibt). Schnell hellt sich aber diese Stimmung auf und schon beim zweiten "Requiem aeternam" erklingt eine typische Rutter-Melodie: Freundlich-melodiös, ein bisschen am modernen Pop- oder Musical-Tonfall orientiert - nach dem düsteren Beginn aber von wunderbar befreiender Wirkung, quasi wie ein musikalischer Sonnenstrahl, der plötzlich in die Dunkelheit bricht!

Der zweite Satz (Text vom Psalm 130) erinnert von der Machart her an traditionelle Psalmvertonungen der anglikanischen Kirchenmusik, wo immer großer Wert auf gute Textverständlichkeit gelegt wird, so dass der Chor weitgehend homophon geführt wird. Ganz wunderbar passt dazu das Sollo-Cello, das die Grundstimmung der Einsamkeit und Verzweiflung aber auch der Hoffnung, die im vertonten Psalmtext steht, eindringlich rüberbringt.

Von der umfangreichen Sequenz "Dies irae" der Missa pro defunctis ist, wie bei Fauré, nur noch der letzte Halbvers, das "Pie Jesu" übriggeblieben. Hier wie dort gerät er zu zentraler Bedeutung: Rutter setzt hier erstmals den Sopran in einem wunderbar verinnerlichten Solo ein. In "klassischen" englischen Kirchenensembles wäre dies jetzt das Solo für den Knabensopran, den boy treble; die Tatsache, dass Rutter jedoch für einen gemischten Chor schreibt, schlägt sich somit auch hier in der Wahl eines weiblichen Soprans nieder.

Der vierte Satz, das Sanctus, wirkt sehr hymnisch, das diesen Satz begleitende Glockenspiel soll das an dieser Stelle während der Messe übliche Glockengeläut versinnbildlichen.

Im Agnus Dei tauchen die dumpfen Paukenschläge und die düstere Atmosphäre des Beginns wieder auf. Hier wie im Schlusssatz gibt es eine Mischung aus lateinischem Messtext und englischen Texten. Der dritte "Agnus Dei"-Ruf stellt den dramatischen Höhepunkt des ganzen Stückes dar. Es überrascht etwas, dass gerade das Agnus Dei diese dramatisch-düstere Stimmung noch einmal hervorruft...

Mein Lieblingssatz ist definitiv die Psalmvertonung "The Lord is my shepherd" - ein große Ruhe ausstrahlender, sehr poetischer Chorsatz, der von einer Solo-Oboe mit etwas wehmütigen aber auch sehr friedlich wirkenden melodischen Figuren umrahmt und begleitet wird. Dieser C-Dur-Psalm steht in wirkungsvollem Kontrast zum in c-moll gehaltenen vorangegangenen Psalm Out of the deep. Traumhaft schön!
Ich vermute mal, dass es kein Zufall ist, dass Rutter hier gerade den 23. Psalm vertont - bis zum Konzil von Trient (1545-63) war ein (natürlich auf lateinisch gesungener) Teil dieses Psalms als Graduale "Si ambulem in medio" schon einmal Bestandteil der Missa pro defunctis gewesen (s. zum Beispiel das Requiem von Johannes Ockeghem)!

Im letzten Satz, in dem auch die Sopranistin nochmals zum Einsatz kommt, wirkt die erneut leise pochende Pauke plötzlich nicht mehr beklemmend, sondern mit ihrem sanften Pochen irgendwie beruhigend. Einige der Ruhe und Frieden transportierenden Motive aus dem ersten Satz kehren hier nochmals wieder, wodurch Rutter dem Ganzen auch musikalisch einen Rahmen verleiht.


Ich habe eine bei NAXOS erschienene, sehr klangschöne Aufnahme der kammermusikalischen Fassung dieses Requiems aus dem Jahr 2002 mit Mitgliedern der City of London Sinfonia und dem schon erwähnten Choir of Clare College, Cambridge, der nach wie vor von Rutters Nachfolger Timothy Brown geleitet wird. Der Sopran wird von Elin Manahan Thomas gestaltet, an der Orgel sitzt Nicholas Rimmer.

Ich kann dieses Requiem nur wärmstens empfehlen und würde es gerne auch einmal selber im Chor mitsingen!

Nicht nachvollziehen kann ich Kritiker, die sich zum Teil ziemlich geringschätzig über Rutters (recht dezente) popmusikalische Anleihen äußern - dabei ist dieses Prinzip nun wirklich nichts Neues: Nicht nur zu Mozarts Zeiten war es üblich, Musik im gerade jeweils beim Publikum populären Stil (vor allem in der Oper) auch in geistliche Musik einfließen zu lassen.
Das hat schon vor über 200 Jahren dem Publikum gefallen - und genau wie heute jede Menge Kritiker auf den Plan gerufen... irgendwie ändern sich hier die Dinge wohl nie *zwinker*